Aufgelesen

Aufgelesen
Aufgelesen

Zum Wochenende mal wieder ein kleines „Aufgelesen“, dieses Mal nicht aus einem Fachbuch, -artikel, sondern aus einem Roman (Der Bonbonpalast von Elif Shafak):

„Für Professor Kandinsky funktionierte das Gehirn wie eine penetrante Hausfrau mit ausgeprägtem Ordnungssinn. Es nimmt alles in Beschlag, was das Haus betritt, und sorgt dafür, die selbst geschaffene Ordnung zu bewahren.“

Ein schönes Bild für Informationsverarbeitung und Wissen als subjektive Konstruktion (und warum Lernen und Disruption schon auf individueller Ebene so schwierig sind), oder?

The gaming scientist

The gaming scientist
exoplanet lichtkurve

Haben Sie schon einmal vom Konzept der Citizen Science gehört? Ursprünglich, d.h. in den 1990er Jahren, in denen der Begriff geboren wurde, sollte damit die Öffnung der Wissenschaft hin zur Gesellschaft gefördert werden, im Sinne der Wissenschaftskommunikation.

In Zeiten von Big Data hat der Begriff in den letzten Jahren eine Umdeutung erfahren: Heute bezeichnet man mit Citizen Science in der Regel die Beteiligung von Nichtwissenschaftlern an der Datensammlung nach einem spezifischen, wissenschaftlichen Protokoll einerseits und andererseits an der Analyse und Interpretation der Daten. Kurz, es geht um die ehrenamtliche Zuarbeit.

Nun ist das Sammeln von Daten und auch die Analyse großer Datenmengen nicht gerade eine spannende Tätigkeit. Was sollte also Laien, und zwar eine ausreichend kritische Masse davon, motivieren genau dieses zu tun? In ihrer Freizeit?

Hier kommt nun das Gaming ins Spiel (im wahrsten Sinne des Wortes): Die in der Regel langweilige und repetitive Recherchetätigkeit wird in ein bestehendes Computerspiel eingebaut und zwar so, dass die eigentliche Spielerfahrung dadurch nicht gestört wird. Die Wissenschaft passiert sozusagen nebenbei. Dass das tatsächlich funktioniert, hat das Project Discovery bereits bei der Erstellung des Humanproteinatlas bewiesen und beweist es aktuell bei der Suche nach Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Project Discovery ist ein kleines Spielmodul, das freiwillig zusätzlich in das Computerspiel EVE Online installiert werden kann. Bei der Suche nach Exoplaneten müssen Teleskopbilder auf bestimmte Lichtmuster hin, die ein Indikator für einen Exoplanet sein können, analysiert werden. Das geschieht natürlich durch reine Rechneranalyse, aber eben auch durch den Menschen, dessen Fähigkeit zur Mustererkennung der Rechnerleistung offensichtlich immer noch überlegen ist. So werden diejenigen Lichtkurven (insgesamt hat das Weltraumteleskop fast 170.000 aufgenommen), die vom Rechner bereits aussortiert wurden, im zweiten Schritt den menschlichen Analysten vorgelegt, die in komplexen, chaotisch anmutenden Lichtkurven immer noch Muster erkennen, wo der Rechner eben den „Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht“ (Sie entschuldigen das schräge Bild). Die Gamer werden im Erfolgsfall übrigens mit wertvollen Ausrüstungsgegenständen für das virtuelle Raumschiff oder den eigenen Avatar belohnt – womit sonst?

Sie finden das auch spannend? Die Schweizer Plattform Massively Multiplayer Online Science hat sich die Integration von Gaming und Citizen Science auf die Fahne geschrieben.

Aber was hat das alles nun eigentlich mit Wissensmanagement zu tun? Vielleicht ja nichts…, aber die Erweiterung des persönlichen Wissens sollte nicht immer so konsequent auf Relevanz gefiltert sein, oder? Vielleicht ganz viel bei ein wenig Nachdenken, denn es geht um die Generierung neuen Wissens, um die Mobilisierung der magischen crowd, um Big Data und Digitalisierung, um Motivation… Das weitere Nachdenken überlasse ich Ihnen!

 

Bildquelle: www.br.de

neues Erklär-Video zum Wissensgarten online

Ich freue mich, dass ich Ihnen wieder tolle Erklärvideos der Studierenden der Dualen Hochschule Baden-Württemberg präsentieren darf, die bei mir das Modul Wissensmanagement belegt haben.

Los geht es mit „meinem“ Wissensgarten-Modell, erklärt von Ruben Ebersold. Viel Spaß!

 

Und noch ein „Nachtrag“ zum Blog der letzten Woche: Leider sind wir mit unserem WMOOC nicht unter den Preisträgern des OER Awards (Open Educational Resource). Wir freuen uns aber auf jeden Fall über die Nominierung in den Kategorien „Hochschule“ und „OER Geschäftsmodell“, die bei fast 90 Bewerbungen schon ein toller Erfolg ist und uns in Sachen ehrenamtliches Engagement weiter motiviert.

Eine persönliche Reise zum Wissensmanagement

Im Rahmen meines Lehrauftrages „Wissensmanagement“ an der Universität Duisburg-Essen habe ich den Studierenden die Aufgabe gestellt, ein Wissensmanagement-Grobkonzept für Ihre jeweilige Organisation (der Studiengang ist berufsbegleitend) zu erstellen. Nun ist einer der Studierenden, Serge Enns, freiberuflich tätig, was ihn hinsichtlich dieser Aufgabe vor eine Herausforderung gestellt hat. Er hat sich entschieden nicht anhand eines fiktiven Fallbeispiels zu arbeiten, sondern das Thema ‚Persönliches Wissensmanagement‘ näher zu beleuchten und dabei eine ebenso ganz persönliche Wissen- und Wissensmanagement-Strategie zu entwickeln.

Da er außerdem leider seine Überlegungen in der entsprechenden gemeinsamen Online-Session nicht persönlich vorstellen konnte, hat er sein Arbeitsergebnis in Form eines YouTube-Videos eingereicht.

…wovon Sie nun profitieren, denn freundlicherweise darf ich diese sehr inspirierenden und ganz persönlichen Überlegungen zum Persönlichen Wissensmanagement mit Ihnen teilen. Vielen Dank, Herr Enns!

Was ist ein Wissensmanager?

Was ist ein Wissensmanager?
kletterhilfe

Gestern habe ich ein schönes neues Wort gelernt, und zwar von einem Schweizer Studierenden in meinem Wissensmanagement-Modul an der Universität Duisburg-Essen. Er sprach in seinem Vortrag von einem „Gelingensunterstützer“. Das gefällt mir.

Ein Wissensmanager (oder auch eine Führungskraft, weil jede Führungskraft ist per se auch Wissensmanager?) ist ein Gelingensunterstützer für gute Wissensarbeit und für kollektives und organisationales Lernen.

Was meinen Sie zu dieser Definition? Wer von Ihnen findet sich hier als Wissensmanager wieder?

 

Bildquelle: www.erlebnisgeschenke.de

Orientierungslos

Orientierungslos
Shanghai Wegweiser

In den letzten Wochen habe ich einige Inhouse-Seminare bei unterschiedlichsten Organisationen sowohl der Privatwirtschaft als auch des öffentlichen Sektors gegeben. Alle legten einen Schwerpunkt auf persönliches Wissensmanagement bzw. eine Art bottom-up empowering des einzelnen Wissensarbeiters.

Dagegen ist nun nichts einzuwenden. Meine Lieblings- (und auch eigene) Definition von Wissensmanagement ist ja auch, dass Wissensmanagement förderliche Rahmenbedingungen für produktive Wissensarbeit gestaltet. D.h. im Mittelpunkt steht die Wissensarbeit und damit der (einzelne) Wissensarbeiter. Eine Befähigung zur produktiveren Wissensarbeit ist also ein wesentliches Element dieses Rahmens. Aber ein Rahmen besteht nicht aus nur einem Element – wäre doch ganz schön löchrig, gell?

Mich beschleicht zunehmend das ungute Gefühl, dass Organisationen sich – nach wie vor – scheuen, das dicke Brett eines echten organisationalen Wissensmanagements zu bohren und stattdessen versuchen ganz smart den Ball an die Mitarbeiter zu spielen. Nach dem Motto: Wenn jeder für sich ein gutes Wissensmanagement macht, dann passt es auch für die Organisation.

Nun ist aber bekanntermaßen eine Organisation mehr als die Summe ihrer Mitglieder. Und persönliches Wissensmanagement stößt ohne ein kompatibles organisationales allzu rasch an seine Grenzen.

Und das merke nicht nur ich als bekennende WM-Strategie-Predigerin, sondern auch die Mitarbeiter selbst. In allen Seminaren der letzten Wochen wurde nämlich ein organisationsweiter Orientierungsrahmen in Sachen Wissensmanagement schmerzlich vermisst und deutlich eingefordert. Ob diese Forderung nun aber auch an der richtigen Stelle gehört wird…? Die Führungskräfte waren bei allen Trainings sehr dünn gesät.

 

P.S.: Eine Lernende Organisation ist auch mehr als eine Organisation, die ihren Mittgliedern ermöglicht individuell zu lernen, oder etwa nicht?

 

learning tracker

learning tracker
Fitness Tracker oder Learning Tracker

Letzte Woche hatte ich zu meinem großen Vergnügen mal wieder Blockvorlesung zu „Wissensmanagement-Strategie“ an der DHBW Baden-Württemberg (Masterstudiengänge Informatik und Wirtschaftsinformatik) und dabei haben mir die Studierenden beim Thema „Persönliches Wissensmanagement“ die kritische Frage gestellt, ob und wenn ja, wie ich es denn schaffte, diszipliniert zu lernen und mein Wissen gezielt zu erweitern.

Uff, erwischt, oder? Der Schuster und seine Leisten usw.

Ich habe dann – quasi öffentlich in der Vorlesung, thinking out loud – über meine Lernmotivation und -motivierung nachgedacht und festgestellt, dass ein Anreiz, der bei mir persönlich in Sachen regelmäßigen Sports sehr gut funktioniert, vielleicht auch für das Lernen funktioniert: eine Tracking App, also eine App, die meine Lern-Events trackt und eventuell auch aktiv erinnert, wenn ich beispielsweise während einer Woche kein einziges Mal gelernt habe.

Wie gesagt, was die Erfüllung meines persönlichen Zieles, mehrfach die Woche Sport zu treiben, angeht, funktioniert dieser Anreiz und Ehrgeizkitzler sehr gut. Ich überlege noch, wie ich das als Learning Tracker umsetzen könnte. Ideen sind willkommen…

 

Bild: http://www.choice.com.au

Digitalisierung bedingt Demokratisierung?

Digitalisierung bedingt Demokratisierung?
demokratie

In den letzten Wochen und Monaten beherrscht die so genannte Zukunft der Arbeit (oder Arbeit der Zukunft?) mehr und mehr auch die Schlagzeilen in den Nicht-Fach-Medien und dabei geht es immer wieder um zwei Megatrends: Digitalisierung der Arbeit und Demokratisierung der Arbeit.

Ich frage mich nun: Sind dies zwei unabhängige, lediglich zeitlich koinzidierende Entwicklungen? Oder bedingt die Digitalisierung die Demokratisierung? Und wenn ja, wodurch?

Einige Thesen:

  • Durch die Digitalisierung wird Arbeit zunehmend zu Wissensarbeit und damit verkehren sich die „Herrschafts- und Machtverhältnisse“ in der Organisation: Der Arbeitnehmer wird zum Wissensgeber und der Arbeitgeber zum Wissensnehmer.
  • Als digitale Wissensarbeiter werden Menschen außerdem zunehmend unabhängig von Organisationen: Wo ein Fließbandarbeiter noch eine (teure) industrielle Infrastruktur benötigt, um seine Arbeitskraft überhaupt einsetzen zu können, braucht ein Wissensarbeiter eine Organisation nur noch bedingt: als Ort potenzieller Interaktion mit anderen Wissensarbeitern. Als Ort eines erleichterten, erweiterten Zugangs zu Informationen. Als Ort potenzieller Effizienzsteigerung durch die (temporäre) Nutzung von Strukturen. Erneut: Machtverschiebung zugunsten des Individuums.
  • Die durch die Digitalisierung befeuerte Daten- und Informationsflut, die hohe Wissensdynamik bedingen, dass Kooperation im Sinne eines gemeinsam Wirken an Bedeutung gewinnt. Der individuelle Informations- und Wissensarbeiter braucht andere, um das rasant mit dem Wissen mitwachsende Feld seines Unwissens zu vermessen und ggf. zu explorieren. Und Vernetzung ist per se erst einmal flach und horizontal, nicht hierarchisch-vertikal.
  • Durch die Digitalisierung findet eine Virtualisierung der Grenzen der Organisation statt. Der dadurch bedingte immer freiere Zugriff auf Informationen, die freie Möglichkeit zur individuellen (Wissens-)Entwicklung führt zu einem freieren Denken und zu einem Anspruch auf Freiheit und Entfaltung (bei eben nur gering wahrgenommenen (organisationalen) Begrenzungen).

Sie sehen schon, die vielen Parenthesen machen deutlich, wie der Kopf noch arbeitet und sich müht. Frei nach Kleist werden die Gedanken erst beim Schreiben verfertigt. Work in Think Progress also.
Vielleicht haben ja auch Sie noch weitere Thesen? Oder Lust die oben genannten fortzuführen. Ich freue mich auf Feedback!

 

Bild: gbw.at