Author: Gabriele Vollmar

Die Verlernende Organisation

Ich habe eine Weile gezögert, diesem Beitrag diesen Titel zu geben, weil der Begriff des ‚Verlernens‘ durchaus positiv konnotiert sein kann im Sinne eines Wissensbalast Abwerfens, gedanklichen Raum für Neues Schaffen. So ist er hier aber nicht gemeint, sondern eindeutig negativ im Sinne einer Zurückentwicklung der Organisation und eines Verlustes an organisationalem Wissen, im Grunde einer Verblödung der Organisation.

Ich erlebe das in der letzten Zeit immer häufiger, vor allem bei Konzernen. Dabei geht es weniger um konkret fachliches Wissen, das direkt bezogen auf die Leistungen des Unternehmens bzw. Geschäftsbereiches ist, als um Wissen aus weicheren Umfeld-Wissensdomänen wie beispielsweise Qualitäts- und Risikomanagement und Compliance (wo ich ebenfalls beratend tätig bin). Ich habe mir Gedanken gemacht, welche Ursachen dieses nicht intendierte, aber akzeptierte, weil nicht wahrgenommene Verlernen hat:

  • Das Wissen wird beim Onboarding neuer Organisationsmitglieder nicht oder nicht angemessen vermittelt. Gerade bei als bürokratisch verschrienen Themen wie Qualitätsmanagement und Compliance sind entsprechende Trainings oft lieblos gestaltet. Dazu gehört, dass oftmals die Hintergründe für bestimmte Vorgaben und Prozesse, das Know-why, und damit verbunden auch ihr Nutzen gerade nicht thematisiert werden. Damit sind Lernmotivation und Aufmerksamkeit denkbar niedrig. Falls diese Themen überhaupt Bestandteil eines Onboarding sind.
  • Diese kontinuierliche Erosion der organisationalen Wissensbasis wird zunehmend zu einem Erdrutsch, wenn gleichzeitig die Fluktuation hoch ist. Aufgrund wiederholter Restrukturierungen und aufgrund zunehmendem Outsourcings. In das Onboarding externer Organisationsmitglieder wird in der Regel noch weniger Aufwand investiert. Vielmehr besteht die Auffassung, dass ein gewissermaßen fertiger Service eingekauft wird. Zeit und Budget für organisationsspezifische Kompetenzentwicklung sind nicht oder nur in geringem Umfang eingeplant. Noch weniger, wenn seitens des beauftragten Vendor dann noch auch diese externen Kräfte rasch wechseln, schließlich wird ja nicht eine bestimmte Person angefordert und beschäftigt, sondern eine nicht-personalisierte Leistung, deren Träger:in austauschbar ist.
  • Ach ja, wiederholte Restrukturierungen: So wichtig es frei nach Dirk Baecker ist, eine Organisation immer mal wieder in Unordnung zu bringen, damit sie nicht stagniert, so schädlich sind in rascher Abfolge verordnete Restrukturierungen. Was passiert: Gerade so genannte deep smarts, also kritische (Erfahrungs)Wissensträger verlassen die Organisation. Rollen und Zuständigkeiten bleiben oft über einen zu langen Zeitraum ungeklärt, sodass das damit verknüpfte organisations-implizite Wissen versickert. Organisationsbasen im Kleinen, d.h. in etablierten Teams gehen verloren. Und auch hier wieder, der gezielte und systematische Transfer von dem oben beschriebenen Wissen, das mittelbar auf die Leistungserbringung wirkt, ist selten Bestandteil von Restrukturierungsmaßnahmen.

Der so genannte root cause hinter diesen Phänomenen ist, dass das Bewusstsein für die Bedeutung dieses Wissens in der Organisation verloren gegangen ist. Bezogen auf Qualitäts- und Risikomanagement sowie Compliance ist es die fehlende Erfahrung fehlgeschlagener Audits, eingetretener Risiken usw. D.h. das Bewusstsein, dass dieses Wissen ein notwendiges ist, geht mangels konkreter Erfahrung mit der Zeit verloren. Das dazu gehörende mindset verblasst. Gleichzeitig steigt mit zunehmendem Verlust dieses Wissens gerade die Wahrscheinlichkeit von Audit-Versagen und Risiko-Eintritt. Haben wir hier eine Art von unausweichlichem Kondratjew-Zyklus? Sind Lernende und Verlernende Organisation auch in dieser negativen Lesart immer miteinander verschränkt?

Was meinen Sie? Und sehen Sie noch weitere Ursachen für das Verlernen? Ich freue mich auf eine Diskussion!

Ausbildung zum Wissensmanagement-Professional 2022

So, nun stehen die Termine für die beiden Präsenz-Wochenenden unserer Ausbildung zum Wissensmanagement-Professional nach dem Kompetenzkatalog der GfWM fest, und ich kann endlich dafür werben!

Die Ausbildung integriert den Wissensmanagement MOOC, der am 3. Oktober nun bereits zum sechsten Mal startet, mit zwei Präsenz-Workshops, bei denen in einer kleinen Gruppe Tools und Methoden des Wissensmanagement praktisch erprobt werden und intensiv Erfahrungen aus der Praxis ausgetauscht werden. Interesse? Weitere Informationen gibt es hier.

Seien Sie dabei!

Ideenlos im Homeoffice

Die Ideenfindung funktioniert in Präsenz besser als im virtuellen Raum. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie von Melanie Brucks von der Columbia University und Jonathan Levav von der Stanford University. Die beiden haben hierzu Experimente mit fast 2000 Teilnehmer:innen durchgeführt. Beispielsweise gaben sie je zwei Personen eine gemeinsame Aufgabe, die eine Hälfte der Proband:innen löste sie gemeinsam in einem Raum, die andere arbeitete online zusammen. Die in Präsenz zusammenarbeitenden Tandems kamen dabei nicht nur auf deutlich mehr Ideen, sondern nach Einschätzung Außenstehender waren es auch die kreativeren. Der Prozess der Ideenbewertung und -auswahl hat virtuell übrigens genauso gut funktioniert wie in Präsenz, kommt es hier doch weniger auf Assoziation als auf kognitiven Fokus und klare Argumentation an.

Die Schlussfolgerung der beiden Forschenden: Die Fokussierung bei der Online-Zusammenarbeit, wie blicken mehr oder weniger starr auf den Bildschirm, werden weniger abgelenkt, ist dem kreativen Prozess abträglich. Also, weniger Fokus und mehr Zerstreuung, wenn es kreativ werden soll!

Doch was, wenn ein persönliches Zusammentreffen gar nicht möglich ist? Lässt sich eine kreative Atmosphäre auch online erzeugen? Wie? Oder wenn ein Teil eines Teams sich in Präsenz trifft, ein anderer aber ’nur‘ online dazugeschaltet wird? Das New Normal des hybriden Arbeitens bietet noch viel Raum für das Experimentieren und Erfahrungen Machen. Dazu empfehle ich das aktuelle kuratierte Dossier der GfWM, dieses Mal auch mit einem Beitrag von mir zu Wissensmanagement in Zeiten des hybriden Arbeitens.

Backen nach SECI

Gerade ist mein Modul Wissensmanagement-Modelle und -Strategien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg zu Ende gegangen, und wieder habe ich den Studierenden als so genannte Vorprüfungsleistung die Aufgabe gestellt, entweder ein Erklärvideo zu erstellen oder ein Icon für den Begriff ‚Wissenstransfer‘. In den nächsten Wochen werde ich immer mal wieder Ergebnisse davon teilen. Ich hoffe, Sie sind ebenso begeistert von den kreativen Leistungen der Studierenden wie ich.

Los geht es mit Carolin Ricarda Spohn und dem SECI-Modell (Wissensspirale) (Dauer 4’34 Min):

Vielen Dank, Carolin, für dein tolles Video!

Zäsur

Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung.
So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.

Roger Willemsen (1955-2016)

Fit2Collaborate – Aufzeichnung der WMOOC Live Session mit der Otto Group

Schon zum zweiten Mal hatten wir im WMOOC das Glück Juliane Dieckmann vom Corporate Knowledge Management der Otto Group als Referentin zu gewinnen.

Dieses Mal ging es um das konzernweite Angebot Fit2Collaborate, ein beratender Ansatz, um die Zusammenarbeit im Team, gerade auch den Wissensaustausch bzw. die gemeinsame Wissensarbeit zu verbessern. Ein anregender Einblick, ein weiteres Mal, in gelebte Wissensmanagement-Praxis (Dauer 53’31 Min.):

WMOOC 2021/22 zu Ende

WMOOC 2021/22 zu Ende
MOOC

Letzte Woche ging mit einer Retrospektive-Session der WMOOC 2021/22 zu Ende und Dirk und ich blicken mit Wehmut und stolz auf die letzten Wochen zurück:

In 4 x 3 aktiven Lernwochen haben mittlerweile 1.950 registrierte Teilnehmer:innen aus 31 Ländern gemeinsam Neues zum Thema ‚Wissensmanagement‘ erfahren und erarbeitet. In 11 Live Sessions haben engagierte Praktikerinnen und Praktiker unterschiedlicher Organisationen Einblicke in ihr ganz spezifisches Wissensmanagement und so manchen guten Tipp gegeben, oder auch Vertreter der WiMa-‚Theorie‘ uns an aktuellen Entwicklungen teilhaben lassen. Auf dem Open Academy-Kanal werden die Aufzeichnungen auch außerhalb des WMOOC stark nachgefragt, das freut uns. In den Diskussionsforen des MOOC hat ein teilweise intensiver Austausch stattgefunden.

Nun ist es an der Zeit ein herzliches Dankeschön an alle diejenigen auszusprechen, die aktiv dabei waren, sei es als Teilnehmende oder als Session-Geber:innen. Ohne euch gäbe es keinen WMOCC!

Und damit die Zeit bis zum nächsten Mal nicht zu lange wird:

  • alle Inhalte des WMOOC sind im Freien Kursbuch Wissensmanagement dauerhaft verfügbar, auch alle Aufzeichnungen der Live Sessions aus diesem und den vorherigen MOOCs
  • Die noch ausstehenden Aufzeichnungen werden wir nach und nach in den nächsten Wochen veröffentlichen
  • unser Newsletter wird auch außerhalb eines laufenden WMOOC informieren, wenn es im Kursbuch neue Inhalte gibt, zusätzliche Live Sessions oder ähnliches.

Dann bis zum WMOOC 2022 ab 3. Oktober?! Dann startet auch wieder die begleitende Ausbildung zum:zur Wissensmanagement-Professional. Seid dabei!

25 Jahre Erfahrung im Wissensmanagement- Interview mit Dr. Pavel Kraus

Im November hatten wir Dr. Pavel Kraus, den Präsidenten des Swiss Knowledge Management Forums im Wissensmanagement MOOC zu Gast und damit die Möglichkeit einen ausgewiesenen Experten zu immerhin 25 Jahren Erfahrung im Wissensmanagement zu befragen. Eine Aufzeichnung dieses anregenden Interviews ist nun online verfügbar (Dauer 50’22 Min).

Viel Spaß beim Anschauen.
Und dir Pavel, nochmals herzlichen Dank für das offene Gespräch.

Erklärvideo zum Münchner Modell

Ich freue mich, Ihnen mal wieder ein Video eines ‚meiner‘ Studierenden aus dem Mastermodul ‚Wissensmanagement-Modelle und -Strategien‘ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg präsentieren zu dürfen. In knappen 5’28 Minuten erläutert Markus Roselt das Münchner Modell von Reinmann und Mandl.

Lassen Sie sich dabei nicht durch die Computerstimme irritieren! Wie die meisten Studierenden nutzt Markus für diese so genannte Vorprüfungsleistung in meiner Lehrveranstaltung eine kostenlose Demo-Version der simple show-Software, bei der das Aufnehmen der eigenen Stimme leider nicht möglich ist.

Es ist aber trotzdem sehr vergnüglich und lehrreich dieses Video anzuschauen. Ihnen viel Spaß dabei. Dir, Markus, herzlichen Dank!