Foucault und die Diskursmaschine KI
Vor 100 Jahren wurde der Philosoph Michel Foucault geboren. Sein Werk kreist in der Tradition von Kant und Hegel um die Begriffe Macht, Wissen und Wahrheit. Schaut man aus unserer aktuellen Situation auf sein konstruktivistisches Gedankengebäude, entbehrt es leider nicht einer gewissen Ironie, dass sein Infragestellen von so etwas wie objektivem Wissen oder absoluter Wahrheit heute nicht genutzt wird, um in seinem Sinne Machtpositionen zu erschüttern, sondern von den Mächtigen, um zugunsten ihres Machterhaltes zu manipulieren.
Trotzdem hat sein Denken nicht an Relevanz verloren. Im Gegenteil, gerade bezogen auf das allgegenwärtige und übermächtige Thema KI ist es durchaus inspirierend:
Zentral für Foucault ist der Diskurs, und zwar die Frage, welche Denkmuster und Machtstrukturen unsere Sprache nicht nur prägen, sondern auch hervorbringen (Sprache schafft Sachen). Und diese Frage ist mehr als brisant, denn KI ist vor allem eines, eine mächtige Diskursmaschine. KI überschwemmt uns mit Sprache, zieht uns hinein, macht uns zum Teil ihres Diskurses, beeinflusst unsere Wahrnehmung, formt unsere Realität qua Diskurs.
Müssen wir uns also nicht drängend die Frage stellen, welche Denkmuster und Machtstrukturen diesen Diskurs prägen? Durch die alltägliche Anthropomorphisierung der KI einerseits (Die KI denkt, die KI will, die KI plant….) sowie anderseits durch die dystopischen Zukunftsszenarien, die seit Kurzem durch die Tech Bosse selbst so laut vertreten werden, wird abgelenkt davon, dass völlig intransparent ist, nach welchen Prinzipien und Regeln, ja nach welchen Absichten der KI-Unternehmen diese Software (und das ist KI schlicht immer noch) trainiert und ‚aligned‘ wird – und zwar letztendlich von Menschen.
Und hier wird Foucault plötzlich ganz aktuell: „(Wir müssen die Diskurse) als Praktiken behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen. Zwar bestehen diese Diskurse aus Zeichen; aber sie benutzen diese Zeichen für mehr als nur zur Bezeichnung der Sachen (…) Dieses mehr muss man ans Licht bringen und beschreiben.“ (aus Michel Foucault: Die Archäologie des Wissens).
Also, mehr Licht ins Dunkel! Denn Aufklärung (im Französischen L’Age des Lumières, das Zeitalter des Lichts) ist die Voraussetzung für kritisches Denken und für Emanzipation. Wir müssen es uns unbequem machen, versuchen KI in ihren Grundsätzen zu verstehen. Die Strategien und Denkmuster dahinter. Mehr Transparenz einfordern. Uns selbst nicht zugunsten einer komfortabel (kurzfristig?) zu erzielenden Effizienzsteigerung aufsaugen lassen vom KI-Diskurs. Sapere aude! Wage es zu denken, und zwar selbst! Vielleicht war Kant nie so aktuell und wichtig wie gerade jetzt.
Übrigens, ganz emanzipatorisch habe ich für diesen Blogpost selbst gelesen, selbst gedacht und selbst geschrieben. Vielleicht ist der Text dadurch ein wenig sperrig geworden. Aber nur Sperrigkeit bietet Anknüpfungspunkte, an sprachlicher Glätte rutschen wir bequem ab.









