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Die Mission von Wissensmanagement

Letzte Woche habe ich als Key Note Speakerin an der 5. Internationalen Tagung für Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung im Hochschulbereich in Graz teilgenommen und dort viele spannende Vorträge zum Schwerpunktthema der Tagung Qualitäts- und Wissensmanagement an Hochschulen – zwei Perspektiven? gehört.

Beim Vortrag von Benjamin Ditzel von der Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg habe ich eine wunderbare Formulierung mitgenommen, die meines Erachtens die Mission von Wissensmanagement perfekt beschreibt: Die Vision von Wissensmanagement ist, so denke ich, die Lernende Organisation. Wenn dies so ist, dann ist die passende Mission, also der Auftrag, den Wissensmanagement hat, die Reflexionsfähigkeit der Organisation zu erhöhen. Einverstanden?

Mit dieser Mission beantwortet sich auch die Leitfrage der Tagung nach dem Zusammenspiel von Qualitäts- und Wissensmanagement, denn Qualitätsmanagement beruht auf der Reflexionsfähigkeit der Organisation im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung.

„Über das Unbehagen mit Wissensmanagement…

…und wie es trotzdem funktionieren kann. Lessons Learned aus 20 Jahren Erfahrung“ – so der Titel der Key Note, die ich am 5. Februar 2019 bei der 5. Internationalen Tagung zu Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung im Hochschulbereich in Graz halten durfte.

Der Vortrag wurde von Reinhard Gussmag grafisch umgesetzt (was für mich als Vortragende sehr spannend war). Hier nun das Graphic Recording, das dabei entstanden ist, viel Spaß:

Digitale Selbstverteidigung

Haben Sie schon einmal den Begriff ‚digitale Selbstverteidigung‘ gehört? Dabei geht es weniger darum sich vor Hackerangriffen zu schützen, sondern darum sich vor dem ganz legalen Abgreifen von Daten zu schützen oder, wenn nicht zu schützen, so doch zumindest Transparenz darüber herzustellen, wer welche persönlichen Daten (wie) nutzt. Ist diese Transparenz doch Grundvoraussetzung im Sinne einer informationellen Selbstbestimmung selbst darüber zu entscheiden, ob diese Daten verfügbar sein sollen oder nicht. Auch wenn die Entscheidung zu einer Datenverweigerung in der Regel einen deutlichen Komfortverlust bedeutet.

Denn Social Scoring funktioniert vor allem deshalb so gut und so unwidersprochen, weil wir erschreckend bequem sind. Bei Social Scoring werden frei im Internet verfügbare persönliche Daten von Algorithmen verknüpft und zu einem Wert zusammengemischt. In China wird Social Scoring gerade in großem Maßstab eingeführt, um das Wohlverhalten der eigenen Bürger besser kontrollieren und letztlich erzwingen zu können. Gegen diese Sammelwut gibt es nicht nur deshalb kaum Widerstand, weil Widerstand in einem totalitären Regime selten eine gute Idee ist, sondern vor allem, weil es so schön bequem ist, eben online zu bestellen (und dabei Daten zu hinterlassen), mit Karte zu bezahlen (und dabei Daten zu hinterlassen) usw.

Wir müssen also gar nicht nach China schauen, um uns – ohne allzu große neurotische Veranlagung – an so manches Szenario aus Orwells Roman ‚1984‘ erinnert zu fühlen.

Wenn Sie nun Ihre digitale Selbstverteidigung stärken wollen, können Sie sich hier informieren:

Warum ist digitale Selbstverteidigung ein Thema in einem Blog zu Wissensmanagement? Nun, weil aus Daten Informationen generiert werden, aus denen dann Rückschlüsse gezogen und Überzeugungen gewonnen werden – Wissen eben – die Grundlage für Entscheidungen und Handlungen sind. Daher können wir auch als Wissensmanager das, was im Bereich das Daten, also am Fuße der wohl bekannten Northschen Treppen passiert, nicht ignorieren.

Macht die digitale Transformation Wissensmanagement obsolet?

Macht die digitale Transformation Wissensmanagement obsolet?
Bildquelle: integrify.com

Diese Frage stellte mir zum Jahresauftakt einer meiner Kunden in einem KM Strategy Talk, den wir regelmäßig führen. Anlass also, mich etwas intensiver mit dem Verhältnis von Digitalisierung und Wissensmanagement gedanklich auseinanderzusetzen. Hier meine Ideen (die Sie gerne kommentieren oder weiterführen dürfen):

  • Trotz vieler verheißungsvoller oder auch erschreckender Zukunftsszenarien, die mit Blick auf das maschinelle Lernen und künstliche Intelligenz entworfen werden, befinden wir uns beim Thema Digitalisierung in den Organisationen heute de facto nach wie vor auf der Stufe Daten- und Informationsmanagement. Wenn wir an die Northsche Wissenstreppe denken, kann eine wesentliche Aufgabe von Wissensmanagement darin bestehen, den Schritt von Daten und Informationen zu Wissen, zu unterstützen. Dieser ist m.E. derzeit noch in den meisten Szenarien ein zu tiefst menschlicher. Das ist nun gewiss nicht neu, doch wird diese Aufgabe aufgrund des (über)mächtigen Drucks, den die Fülle an Daten und Informationen ausübt, drängender. Dazu kann die Aufbereitung von Daten und Informationen, Stichwort Visualisierung, ebenso gehören wie das Erlernen der Kunst, die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten zu verstehen. Wissensmanagement also unmittelbar an der (technischen) Schnittstelle zum Daten- und Informationsmanagement.
  • Nicht nur die Unternehmen, auch die Menschen sind mit der Daten- und Informationsflut überfordert (vgl. Artikel der RWTH Aachen). Der Bedarf an Überblickswissen, an Prozess- und Systemverständnis steigt. Auch hier kann Wissensmanagement Nutzen stiften:
    • in einer zunehmenden Verschmelzung von Wissensmanagement und Personalentwicklung im Sinne eines corporate learning durch die Unterstützung prozessintegrierten und kontinuierlichen Lernens
    • durch die Befähigung zum persönlichen Wissensmanagement (auch mit dem Ziel einer ausgeprägten Ignoranzkompetenz) mit dem Ziel der produktiven Wissensarbeit
    • durch die Unterstützung einer Vernetzung der Köpfe als Gegenpol zur Vernetzung von Daten und Informationen; gerade in Zeiten der Digitalisierung ist der Community-Gedanke vielleicht einer der wirkmächtigsten
  • Natürlich wird auch die Zusammenarbeit immer stärker virtualisiert (dezentrale Teams, mobiles Arbeiten usw.). Vielleicht ist ja Virtualisierung viel eher das Neue, das wir aktuell erleben, und nicht die Digitalisierung, die ja im Grunde mit dem Rechnerzeitalter schon vor Jahrzehnten begonnen hat. Aber das ist ein anderes Thema. Für die Kollaboration in virtuellen Teams und Netzwerken gibt es zahlreiche smarte IT-Tools, doch auch hier erleben wir in vielen Organisationen ein Scheitern, weil der Bedarf an Orientierung nicht erkannt, oder nicht akzeptiert wird. Hier kann Wissensmanagement konkrete Use Cases, gegebenenfalls heruntergebrochen auf entsprechende Templates, entwickeln, die diese Form der Kollaboration und des Wissensaustausches optimal unterstützen. Mit Blick auf den Einzelnen passiert etwas ähnliches ja gerade mit den so genannten digital workplaces. Auch hier sollte Wissensmanagement seine Perspektive einbringen, denn der digital workplace ist in erster Linie ein knowledge workplace.
  • A propos, workplace: Bei aller Digitalisierung und Virtualisierung hat in den letzten Jahren auch die Frage nach der besten physischen Arbeitsumgebung mächtig Fahrt aufgenommen. Organisationen investieren deutlich in neue Bürokonzepte usw. Auch hier kann und sollte sich Wissensmanagement einbringen: Wie können Kommunikation und Wissensfluss, aber auch konzentrierte individuelle Wissensarbeit durch entsprechende räumliche Settings unterstützt werden?
  • Und schließlich, bleibt eine alte Herausforderung nicht nur erhalten, sondern gestaltet sich in Zeiten rasanten Wandels und anflutender Daten und Informationen ungleich drängender, nämlich die Frage nach dem relevanten Wissen – für die Organisation genauso wie für den Einzelnen, mit Blick auf Hier und Heute genauso wie mit Blick auf die Zukunft. Es wird Zeit, Wissensmanagement als strategischen Akteur zu positionieren!

Zum Nutzen von Wissen

An diesem Wochenende habe ich an der Universität Passau für Studierende ein Seminar zu persönlichem Wissensmanagement gegeben. Als kleine Übung sollten Sie eine Concept Map zum Thema „Persönliches Wissensmanagement“ erstellen. Auf einer der Maps habe ich mich über folgende Beziehung zwischen den Knoten „Wissen“ und „Ziele“ sehr gefreut: Wissen verwirklicht Ziele.

Zum Glück gibt es Probleme

Haben Sie auch schon mal Folgendes gehört? „Ich will nichts von Problemen hören. Komm wieder, wenn du eine Lösung hast!“ Lösungsorientierung, seit Jahren das Zauberwort in Organisationen. Dabei sollten wir vielleicht eher eine offene Problemorientierung fördern, und zwar im Sinne eines nachhaltigen Lernens.

Dazu einige Zitate als Denkfutter für diese Woche:

„Probleme erweitern die Grundlage unserer Erfahrung und helfen uns so, sinnvollere Lösungen zu finden.“ Dalai Lama

„The mere formulation of a problem is far more often essential than its solution, which may be merely a matter of mathematical or experimental skill. To raise new questions, new possibilities, to regard old problems from a new angle requires creative imagination and marks real advances in science.“ Albert Einstein

„Es ist besser, ein Problem zu erörtern, ohne es zu entscheiden, als zu entscheiden, ohne es erörtert zu haben.“ Joseph Joubert

Also, stellen wir uns den Probleme und damit den Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten (zu lernen), die sie uns bieten!

Qualität und Wissen, Wissen und Qualität

Qualität und Wissen, Wissen und Qualität
Metroplan Shanghai

Am Dienstag dieser Woche habe ich als Mitglied des Fachkreises „Qualitätsmanagement und Wissensmanagement“ von DGQ und GfWM den diesjährigen Qualitätstag der DGQ besucht und dort gemeinsam mit Ute John einen sehr lebendigen Workshop moderiert: Entwicklung eines kreativen Konzepts für agiles Wissensmanagement (oder doch Wissensmanagement in einer agilen Organisation? oder Wissensmanagement zur Agilisierung einer Organisation?…). Doch über diesen Workshop wollte ich gar nicht berichten, sondern ein wenig darüber, was ich auf dem Q-Tag hier und da aufgeschnappt habe:

Ein Referent meinte: „Qualität entsteht aus der Vernetzung von Daten und aus der Vernetzung von Menschen.“ Nun, ersetze ‚Qualität‘ durch ‚Wissen’…!

Außerdem wurde in einem Vortrag angemahnt, die Wirksamkeit von Maßnahmen zum Qualitätsmanagement intensiver zu monitoren und kritischer zu hinterfragen. Nun, ersetze ‚Qualitätsmanagement‘ durch ‚Wissensmanagement’…!

Qualität und Wissen, Wissen und Qualität – wie ähnlich sich diese beiden Themen doch in vielen Punkten sind. Finden Sie nicht auch?

Insgesamt war die Veranstaltung beherrscht vom Gedanken der Agilität, Industrie 4.0 und der Vernetzung. Und da möchte ich Ihnen ein schönes Aufgeschnappt nicht vorenthalten, nämlich die Erkenntnis / These, dass die Netzwerke, in denen wir so wunderbar vernetzt sind, wabernde Netzwerke sind. Ein sehr schönes Bild, um die Volatilität und irgendwie auch Fragilität dieses Vernetzungszustandes zu beschreiben, finden Sie nicht auch?

Wissensschwere Produkte

Den interessanten Begriff der ‚wissensschweren Produkte‘ hat der Unternehmer Berthold Leibinger geprägt. Als Chef des überaus erfolgreichen schwäbischen Maschinenbauunternehmens Trumpf hat er schon sehr früh Produktionsstätten außerhalb Deutschlands gegründet. Er war der Überzeugung, dass man sich dort engagieren müsse, wo man seine Produkte auch verkaufe. Allerdings müsse dies nicht auf Kosten der Beschäftigung in Deutschland gehen, solange ein deutsches Unternehmen Produkte baue, in denen mehr Wissen stecke als in denen der Konkurrenz. Eben ‚wissensschwere Produkte‘. Vorsprung durch Wissen, nicht durch Rationalisierung! Nun, Trumpf wurde unter Leibinger und mit dieser Überzeugung von einem kleinen lokalen Maschinenbauer zum Weltmarktführer in seinem Bereich mit in 2017/18 3,57 Milliarden Euro Umsatz, erwirtschaftet von 13.500 Mitarbeitern, davon die Hälfte in Deutschland.

Was Berthold Leibinger, der findige Ingenieur und schwäbische Tüftler, auch noch sagte: Neugier sei eine seiner wichtigsten Eigenschaften, denn Neugier sei die Mutter der Fantasie.

Berthold Leibinger verstarb vergangene Woche in Stuttgart.

 

P.S.: Auf die Frage, wie ein familiengeführtes Unternehmen wie Trumpf auf eine Manipulation wie den Dieselbetrug bei VW reagieren würde, antwortete Leibinger noch im März diesen Jahres: „Wahrscheinlich würde es sofort mit Nachrüstungen beginnen. Nicht nur der Reputation willen oder um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden. Gerade am Standort Deutschland, dem es so unendlich viel verdankt. Es würde eine neue Geschichte von Wirtschaft erzählen. Und kostete es auch die Hälfte seines Jahresergebnisses.“
Doch das ist eine andere Geschichte…