Zum Glück werde ich dieses Jahr 57!

Zum Glück werde ich dieses Jahr 57!
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Vor kurzem bin ich in der ZEIT über eine Aussage gestolpert, die mich – aus persönlichen Gründen – neugierig gemacht hat: Mit 57 Jahren, so war dort zu lesen, erreiche unsere kristalline Intelligenz ihren Höhepunkt. Die fluide Intelligenz dagegen nehme bereits ab einem Alter von etwa 20 Jahren ab. Und mehr noch: Eine neue Studie lege nahe, dass Menschen zwischen 57 und 60 Jahren besonders gut für Entscheidungspositionen mit hoher Verantwortung geeignet seien.

Das fand ich interessant. Vielleicht nicht nur aus persönlichen Gründen (s.o.), sondern auch deshalb, weil es so schön gegen die verbreitete Vorstellung verstößt, geistige Leistungsfähigkeit sei vor allem eine Frage der Jugend. Also habe ich mir die Studie selbst angeschaut.

Die fluide Intelligenz beschreibt unsere Fähigkeit, neue Probleme zu lösen, Muster zu erkennen und logisch zu schlussfolgern – ohne dafür auf bereits erworbenes Wissen zurückgreifen zu können. Die kristalline Intelligenz beruht dagegen auf Wissen und Erfahrung. Wortschatz, Fachwissen und das, was wir über Jahre gelernt und erlebt haben, gehören dazu.

Und diese beiden Fähigkeiten entwickeln sich im Laufe unseres Lebens sehr unterschiedlich: Die fluide Intelligenz erreicht ungefähr mit 20 Jahren ihren Höhepunkt und nimmt danach tendenziell ab. Andere Fähigkeiten entwickeln sich dagegen noch lange weiter. Dazu gehört die kristalline Intelligenz, aber beispielsweise auch emotionale Intelligenz oder finanzielles Wissen.

An dieser Stelle wird es interessant. Denn die Aussagen in der ZEIT sind zwar eingängig, verkürzen die Studie aber etwas.

Gilles Gignac von der University of Western Australia und Marcin Zajenkowski von der Universität Warschau haben für ihre 2025 in der Zeitschrift Intelligence veröffentlichte Studie nicht einfach fluide und kristalline Intelligenz miteinander verglichen. Sie haben Ergebnisse bereits veröffentlichter Untersuchungen zu einer ganzen Reihe von Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen zusammengetragen und deren Entwicklung über das Erwachsenenleben betrachtet. Neben verschiedenen kognitiven Fähigkeiten flossen unter anderem Persönlichkeit, emotionale Intelligenz, finanzielle Kompetenz, moralisches Urteilsvermögen, kognitive Flexibilität, Empathie und die Widerstandsfähigkeit gegenüber bestimmten Denkfehlern ein. Daraus konstruierten die Forscher einen Cognitive-Personality Functioning Index, kurz CPFI. Und dieser zusammengesetzte Index erreicht tatsächlich ungefähr zwischen 55 und 60 Jahren seinen höchsten Wert.

Das bedeutet aber nicht: Mit 57 sind wir am intelligentesten. Es bedeutet vielmehr: Einige Fähigkeiten haben zu diesem Zeitpunkt bereits nachgelassen, während andere über Jahrzehnte gewachsen sind. In der Summe können sich diese unterschiedlichen Entwicklungen offenbar erstaunlich gut ergänzen.

Mit 25 können wir möglicherweise schneller neue Zusammenhänge erkennen als mit 57. Mit 57 verfügen wir dafür über drei Jahrzehnte zusätzliches Wissen und Erfahrung. Wir haben mehr Situationen erlebt. Wir können neue Probleme mit bereits bekannten vergleichen. Wir erkennen vielleicht schneller, welche Informationen wirklich wichtig sind. Und wir haben gelernt, welche Entscheidungen in der Vergangenheit funktioniert haben – und welche nicht.

Die Forscher gehen deshalb auch der Frage nach, was das für anspruchsvolle Entscheidungspositionen bedeutet. Ihre Schlussfolgerung ist allerdings vorsichtiger, als die griffige Zahl „57“ vermuten lässt: Menschen, die für Entscheidungen mit hohen Konsequenzen besonders gut geeignet sind, seien wahrscheinlich weder jünger als 40 noch älter als 65. Es geht also nicht um ein magisches Alter, in dem wir plötzlich optimale Entscheider sind. Es geht um ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fähigkeiten.

Und an dieser Stelle stellt sich für mich eine weitere Frage, die in der Studie so noch gar nicht beantwortet wird: Was passiert mit diesem Verlauf, wenn wir Künstliche Intelligenz hinzunehmen?

Denn ausgerechnet bei einigen Fähigkeiten, die mit zunehmendem Alter nachlassen, kann KI uns unterstützen. Eine KI kann große Informationsmengen schnell durchsuchen, Alternativen generieren, Muster sichtbar machen, Argumente gegenüberstellen oder uns auf Widersprüche aufmerksam machen. Sie könnte damit einen Teil dessen kompensieren, was unsere fluide Intelligenz im Laufe des Lebens weniger gut leistet. Unser Erfahrungswissen kann sie dagegen nicht einfach ersetzen. Wissen besteht schließlich nicht nur aus gespeicherten Informationen. Es besteht auch daraus, Situationen erlebt, Konsequenzen erfahren und Zusammenhänge über Jahre verstanden zu haben.

Vielleicht liegt deshalb gerade hier eine der interessantesten Perspektiven für die Zusammenarbeit von Mensch und KI: Wir nutzen KI nicht, um unsere Erfahrung zu ersetzen. Wir nutzen sie, um unsere Erfahrung mit Fähigkeiten zu ergänzen, die uns zunehmend schwerer fallen. Dann könnte die eigentlich interessante Frage irgendwann nicht mehr lauten: In welchem Alter erreichen Menschen den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit? Sondern: Wie lange können wir diesen Höhepunkt halten, wenn menschliche Erfahrung und künstliche Intelligenz zusammenkommen?