KI, Kant und metakognitive Faulheit

KI, Kant und metakognitive Faulheit
erstellt mit Midjourney

Das Schöne an KI ist doch, dass wir anstrengende geistige Tätigkeiten an diese auslagern können. Eben nicht nur das Suchen nach Informationen, sondern – zu mehr oder weniger großen Anteilen – das Kreativ Sein, das Analysieren, das Problemlösen, das Nachdenken, kurz das Wissensarbeiten. Einige aktuelle Studien zeigen nun, dass Personen, die KI in dieser Form als ‚Mitdenker‘ nutzen, dazu neigen, ihre Arbeit, die mit der signifikanten Hilfe von KI entstanden ist, seltener zu prüfen und zu hinterfragen. Die Autoren einer dieser Studien (Beware of metacognitive laziness: Effects of generative artificial intelligence on learning motivation, processes, and performance) nennen dies „metakognitive Faulheit“.

Als Erwachsene können wir entscheiden, welche geistigen Prozesse wir an eine KI auslagern und wo wir uns bewusst dieser Faulheit widersetzen. Dazu nutzen wir unseren kritischen Verstand. Doch wie steht es um Kinder und Jugendliche, deren Mut sich des eigenen Verstandes zu bedienen – das Kantsche ’sapere aude‘ – gar nicht erst entwickelt wird, weil sie die anstrengende Reibung, die ein entsprechender Lernprozess bedeutet, vermeiden können?

Und was macht diese Entwicklung mit unserer Gesellschaft?

Unsere liberalen Demokratien beruhen auf mündigen Bürgern und Bürgerinnen, wie sie die Philosophen der Aufklärung beschreiben. Also Menschen, die sich ihres Verstandes bedienen und die Meinungen kritisch hinterfragen, auch ihre eigene. Wer nicht selbst denkt, wird alles glauben.

Und das, was wir da denken lassen, wird immer homogener, denn schließlich beruht generative KI auf Statistik und Wahrscheinlichkeit. „In großem Maßstab wird das, was als statistisches Musterlernen beginnt, zu einer generativen Kraft, die zentrale Tendenzen bevorzugt (…)“, so der Informatiker Zhivar Sourati.

Das Risiko, vor dem unsere Gesellschaften stehen, ist nicht die imaginäre Super-KI, die irgendwann die Weltherrschaft an sich reißt. Es ist unser selbst gewählter Weg in eine vor-aufklärerische Unmündigkeit – aus schierer Bequemlichkeit. Warum nur muss ich seit einiger Zeit immer wieder an den Animationsfilm Wall-E denken?

Vielleicht etwas pathetisch, aber ich ende mit einem hochaktuellen 300 Jahre alten Zitat:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Die KI denkt

Die KI denkt
erstellt mit Midjourney

Kürzlich habe ich in der Frankfurter Sonntagszeitung Folgendes gelesen: „Die KI [Claude Code] (…) kann jetzt einen Workflow von vier Schritten eigenständig abarbeiten: lesen, also unstrukturierte Informationen aufnehmen; denken, also domänenspezifisches Wissen anwenden; schreiben, also strukturierte Ergebnisse produzieren; verifizieren, also das Ergebnis mit mit vorgegebenen Standards abgleichen. In der Wissensökonomie gibt es nicht viele Berufe, die sich nicht auf diese vier Bausteine herunterbrechen lassen.“

Natürlich hat mich die Aussage zum Denken der KI nun selbst ins Nachdenken gebracht. Findet hier tatsächlich ein Denkprozess und eine Anwendung von Wissen statt – was ja voraussetzt, dass eine KI über Wissen verfügt.

Laut Philosophischem Wörterbuch von Georgi Schischkoff werden unter ‚Denken‘ alle (psychologischen) Vorgänge zusammengefasst, die aus einer inneren Beschäftigung mit Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen versuchen. Martin Heidegger beschreibt das Denken gar als einen Weg. Das zu-Denkende entzieht sich dem Menschen und zieht ihn mit. Weil sich das zu-Denkende dem Menschen entzieht und sich von ihm abwendet, nimmt es ihn in Anspruch. 

Das kann mit dem Denken der KI nicht gemeint sein. Was also passiert, wenn eine KI „denkt“?
Hier verarbeitet das Modell die Informationen aus dem „Lesen“-Schritt und führt mehrere interne Teilprozesse aus:

  • Problemstruktur erkennen (Welche Aufgabe ist gestellt? Welche Informationen sind relevant?)
  • Hypothesen bilden durch statistisches Abwägen von Mustern aus Trainingsdaten
  • Lösungsstrategie planen (sinnvolle Schritte planen vor dem Schreiben)
  • Kontext verknüpfen durch die Kombination mehrerer Informationsquellen wie vorherige Nachrichten, bekannte Muster usw.

Das Denken einer KI bedeutet also interne Berechnungsschritte, probabilistische Planung, logische Strukturierung der Antwort. Das hat nichts zu tun mit Verstehen, Bewusstsein und intentionaler Überlegung, was das menschliche Denken kennzeichnet. Auch wird im eigentlichen Sinne kein „domänenspezifisches Wissen angewandt“, sondern die KI nutzt korrelationsbasierte Muster aus domänenspezifischen Trainingsdaten. Wir reden also von statistischer Generalisierung, nicht von Wissensanwendung.

Trotzdem ähnelt der Vier-Schritte-Workflow, mit dem bei modernen KI-Agenten typische Schwächen von Sprachmodellen, wie z. B. das Halluzinieren, reduziert werden, dem menschlichen Arbeitsablauf beim Problemlösen (z. B. nach Newell & Simon). Dadurch wird die KI vom reinen Textgenerierer zum Problemlöser.

Doch unser menschliches Denken ist soviel mehr als analytisches Problemlösen. Es ist auch zweckfreies Philosophieren, Träumen, Spintisieren… Ich denke, wir sollten uns angewöhnen, die technische Funktionsweise einer KI nicht mit menschlichen Begriffen wie ‚Denken‘ oder ‚Wissen‘ zu beschreiben, sondern angemessene technische Begrifflichkeiten dafür finden. Denn eine zunehmende Vermenschlichung von KI birgt das Risiko der abnehmenden kritischen Distanz. Und eine Vermenschlichung führt dazu, dass einer Technik Eigenschaften zugeschrieben werden, z. B. moralisches Verhalten, die für eine realistische Einschätzung technologischer Folgen letztlich irrelevant sind. Und den Blick ablenken von den verantwortlichen Menschen hinter der KI.

Wissensmanagement und Qualitätsmanagement mit KI – WMOOC Live Session online

Nun ist auch die letzte Live Session unseres Wissensmanagement MOOC 2025 online verfügbar: Zum Abschluss unseres Schwerpunktthemas Wissensmanagement und KI erläutert Johanna Kremsner Bolitschek, wie Wissensmanagement unter Zuhilfenahme von KI in ein bestehendes Qualitätsmanagementsystem integriert werden kann. Ein pragmatischer und vielversprechender Ansatz. Viel Spaß (Dauer 60’55“)

Damit ist der WMOOC 2025 nun tatsächlich zu Ende. Aber nach dem WMOOC ist auch immer vor dem WMOOC: Der WMOOC 2026 startet am 3. Oktober 2026. Sei dabei!

Forecast to knowledge – recording of WMOOC live session available online

Another recording of a live session of our Knowledge Management MOOC (WMOOC) 2025 is now online. The only one in English at this year’s course. With this live session, we left behind the boundaries of the organization we usually operate within and looked at our topic of KM from a (global) political perspective. It was extremely interesting and stimulating. Thank you very much, Yannick! (Duration 43’40 Min.)

WMOOC Live Session in der nächsten Woche

WMOOC Live Session in der nächsten Woche
WMOOC

Am 11.12. um 16 Uhr geht es in der WMOOC Live Session um ein ganz praxisnahes Thema, nämlich Firmenwikis und wie man diese richtig einsetzt. Vor allem geht es unserem Referenten Martin Harnisch um die Frage, warum alle alles lesen und bearbeiten können sollten, also um ein offenes Wiki-Konzept, das viele Organisationen immer noch scheuen.

In der Session werden die Grundlagen von Wikis erklärt und wie sie funktionieren. Ein Schwerpunkt liegt auf den allgemeinen Vorteilen offener Wikis, in denen alle Personen alles lesen und bearbeiten können. Danach geht es um typische Bedenken, die dabei häufig auftauchen, und darum, wie man darauf reagiert. Ergänzend werden Beispiele aus Enterprise-Wikis behandelt, die zeigen, wie solche Prinzipien in Organisationen umgesetzt werden können.

Tatsächlich nähert sich der WMOOC 2025 rasant seinem Ende: Nur noch zwei Live Sessions stehen aus, die ihr euch schon einmal vormerken könnt:

Am 15.12. um 16 Uhr wird uns Kai Hoffmann mit hinter die Kulissen des Wissensmanagements bei Schutz und Rettung der Stadt Zürich nehmen.
Und am 22.12. um 16 Uhr erläutert Johanna Boli wie es gelingen kann Wissensmanagement in ein bestehendes Qualitätsmanagement-System zu integrieren, und zwar mit Hilfe von KI.

Wie immer stehen die Live Sessions allen Interessierten offen, auch denen die (noch) nicht für den WMOOC registriert sind. Bei Interesse bitte einfach bei mir melden, dann schicke ich die Einwahldaten zu. Oder am besten gleich für den WMOOC Newsletter anmelden!

AI Agents: Vom Tool zum Teamplayer – Aufzeichnung der WMOOC Live Session

Die Aufzeichnung unserer sehr intensiven Wissensmanagement-MOOC Live Session mit Sabine Wax von inside workspace zu AI Agents ist nun online im Open Academy-Kanal verfügbar (Dauer 1’10 Std.)

Ich werde mir – obwohl ich live dabei war – die Aufzeichnung gleich auch noch einmal ansehen. Da war so viel drin, das habe ich noch nicht alles verdaut, liebe Sabine!

WMOOC 2025: Live Session zu KI Agenten

WMOOC 2025: Live Session zu KI Agenten
WMOOC

Ich freue mich sehr auf unsere Live Session im WMOOC in der nächsten Woche: Sabine Wax, Gründerin von inside workspace, zeigt am Beispiel ihres eigenen Unternehmens, wie AI Agents als Teammitglieder in Organisationsstrukturen eingebunden werden können:

Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Aufgaben im Informationsmanagement. Doch kann sie mehr sein als nur ein Werkzeug? Welche strukturellen Voraussetzungen braucht es, damit KI Informationen intelligent vernetzt, Entscheidungen unterstützt und aktiv in die Teamarbeit eingebunden werden kann? Dabei spielen themenbasiertes Rechtemanagement, Abnahmeworkflows und Transparenz eine zentrale Rolle, um den Anforderungen des KI-Acts gerecht zu werden. Doch die Einführung von KI ist nicht nur eine technologische Frage – sie erfordert einen Mindshift. „Think AI“ bedeutet, Informationen kontextbezogen und strukturiert bereitzustellen, Verantwortung klar zu definieren und Zusammenarbeit neu zu denken.
Termin: Mittwoch, 19. November, 16 Uhr

Wie immer ist die Teilnahme an der Live Session möglich, auch ohne für den WMOOC registriert zu sein. Bitte einfach bei mir melden! Oder den Newsletter abonnieren, um immer rechtzeitig die Einladungen zu den Live Sessions zu bekommen.

KI fürs Persönliche Wissensmanagement – WMMOC Aufzeichnung online

Die Aufzeichnung der WMOOC Session mit Simon Dückert vom 15. Oktober ist nun online verfügbar in unserem Open Academy-Kanal (Dauer 1:19 Std.). Simon hat in beeindruckender Weise demonstriert, wie er KI-Tools nutzt um seine Effizienz als Wissensarbeiter signifikant zu steigern. Die vielen Fragen im Anschluss an den intensiven Vortrag zeigen das große Interesse der Teilnehmenden – so groß, dass wir ausnahmsweise die Session deutlich länger haben laufen lassen als üblich. Und ich bin sicher, wir hätten noch mehr Zeit mit vielen praktischen Anregungen von Simon füllen können. Herzlichen Dank, Simon!

KI als Booster fürs Persönliche Wissensmanagement – Live Session im WMOOC 2025

KI als Booster fürs Persönliche Wissensmanagement – Live Session im WMOOC 2025
WMOOC

Nächste Woche geht es los mit den ersten Live Sessions im Wissensmanagement MOOC 2025: Den Auftakt macht Simon Dückert von der Cogneon Akademie, der uns konkrete Anwendungsmöglichkeiten von KI fürs Persönliche Wissensmanagement aufzeigen wird – ein Booster für die eigene Effizienz als Wissensarbeiter:in.

Die Live Session ist am 15. Oktober um 16 Uhr. Einwahldaten für alle diejenigen, die nicht für den WMOOC registriert sind (und die für die Live Sessions immer gerne willkommen sind) direkt bei mir.

Weitere Live Sessions stehen auch schon fest, also zückt die Kalender:

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Wissensmanagement-Methodenkoffer erweitert

Wissensmanagement-Methodenkoffer erweitert
WMOOC

In den letzten Wochen haben Dirk und ich nicht nur unser Kursbuch Wissensmanagement einer Generalüberholung unterzogen und einige Seiten zum Thema Wissensmanagement und KI ergänzt, sondern wir erweitern auch unseren Methodenkoffer. Neu dazu gekommen ist nun die Methode Journal Club.

Das Kursbuch bildet die Grundlage für unseren Wissensmanagement MOOC (WMOOC), der am
3. Oktober wieder startet. Auch hier laufen die Vorbereitungen auch Hochtouren, wozu vor allem die Akquise und Organisation der wöchentlichen Live Sessions gehört. Ein paar kleine ‚Appetitmacher‘ und Save-the-Dates:

  • 7.10. 13 Uhr Start des WMOOC mit der üblichen kleinen Einführung für MOOC-Neulinge durch Dirk und mich
  • 15.10. 16 Uhr Simon Dückert von Cogneon wird uns berichten, wie KI unser persönliches Wissensmanagement boostern kann
  • 23./24.10. Termin wird noch festgelegt werden Angelika Mittelmann, Sabine Wax und ich in Kooperation mit dem Knowledge Camp der GfWM über die aktuelle Entwicklung unseres Kompetenzkatalogs Wissensmanagement berichten. Konkret haben wir Profile für die Wissensmanagement-Rollen aus dem ITIL und IT Service Management Frameworks entwickelt.

Zusagen haben wir außerdem bereits von Sabine Wax zu AI-Agents: Vom Tool zum Teamplayer, von Kai Hofmann von Schutz und Rettung der Stadt Zürich zum dortigen Wissensmanagement und von Janine Bauer zum Konzept des Unlearning. Die Termine werden noch festgelegt.

Mit zahlreichen weiteren Referent:innen sind wir im Austausch. Es werden auf jeden Fall anregende Wochen.

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